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Redner: Gerhard Pötzsch, Stellv. Vorsitzender der SPD-Fraktion

Es gilt das gesprochene Wort!

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Damen und Herren Stadträte,
sehr geehrte Gäste!

Warum ich zu diesem Thema spreche, ist dem Umstand geschuldet, dass ich gefragt worden bin. Bildung ist ein riesiges Thema und fünf Minuten eine verdammt knappe Zeit. Im ruhig vor sich hin tobenden aktuellen Wahlkampf der Bundesrepublik Deutschland spielt das Thema Bildungspolitik eine kaum wahrnehmbare Rolle. Hier und heute schon. In Leipzig weiß man eben, worauf es ankommt!

Worüber ich nicht sprechen werde, ist die mangelnde Versorgung mit Krippenplätzen für unter Dreijährige, die bestehende soziale Ungleichheit beim Übergang aus der Grundschule in die weiterführenden Schulen, die Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot an Ganztagsschulplätzen, die Inklusionsanteile im internationalen Vergleich, über Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss, über die Bildungssituation bei Kindern mit Migrationshintergrund, über Jugendliche im Übergangsbereich zwischen Schule und Ausbildung, junge Erwachsene ohne Berufsabschluss,  und dass rund 13 Millionen Menschen in der Altersgruppe zwischen 18 und 64 in Deutschland nicht fehlerfrei schreiben können, bis hin zum funktionalen Analphabetismus. Ich spreche nicht über die steigende Studienanfängerquote, die soziale Herkunft der Studienanfänger, über den Anteil der Frauen in Wissenschaft und Forschung, und über den prozentualen Anteil der Bildungsausgaben  in Deutschland im OECD Vergleich.

Was ich hier aber zumindest einmal stichwortartig anreißen möchte, sind die seit Jahren üblich gewordenen Schlagworte im Zusammenhang mit Bildung, womit wirtschaftlich orientierte Interessengruppen das Sprechen über Bildung in unserem Lande usupieren, welche deren Zielrichtung, und das an sich ist ja ein beachtenswerter Fakt, allerdings auch deutlich erkennbar werden lassen!

Da ist oft von der Wissensgesellschaft die Rede, in welcher  wir heute leben. Vom Ausschöpfen aller Begabungsressourcen durch lebenslanges Lernen, um Humankapital zu bilden. Das ganze natürlich unter Inanspruchnahme effektiver Lerntechniken und Medieneinsatz,  und vor allem daran orientiert, was hinten rauskommt. Da wird messbarer Output gepriesen, und nicht irgend so ein unkonkretes Leitideal. Bildung soll sich gefälligst an solchen Standards ausrichten, welche Leistungen auch abbilden können. Ein Kritiker hat das mal zugespitzt als das bezeichnet, was es in Wirklichkeit wohl auch meint: Fertigungsstandards für Humankapital.
Diese Standards müssen dann, das verkünden uns die Apologeten einer so agierenden Politik über alle verfügbaren Medien, natürlich auch ständig überprüft, oder wie wir heute sagen evaluiert werden. Qualität misst sich nach dieser Denke nicht in erster Linie an der Beschaffenheit des Produktes, also Schüler oder Student, sondern an der Effizienz seiner Produktion.
Da die Verkünder solcherart Wahrheiten quer durch alle politischen Lager Gehör gefunden haben, hat die Kostensenkung bei gleichbleibendem Output längst und spürbar Einzug in unser Bildungswesen gehalten.

Zur Effizienzsteigerung dienen heute Programme des Qualitätsmanagements, also nicht in erster Linie, wie man sich vielleicht denken würde, Bemühungen um die Verbesserung der pädagogischen Fähigkeiten etwa der Lehrer, sondern das Schaffen von Strukturen, innerhalb derer die damit Beauftragten es vermögen, angestrebte Ziele in entsprechende Ergebnisse umzusetzen. Die Ökonomisierung des Bildungswesens ist längst eine unleugbare Realität!
Was für absurde Auswirkungen so etwas haben kann, macht vielleicht ein kleines Beispiel deutlich: Das Modell Schulischer Sozialarbeiter, welches an allen Bildungseinrichtungen ja dringend benötigt wird, wir kennen das aus unserer Stadt, wird sofort effektiver, wenn man jedem einzelnen von ihnen, per Anweisung, einfach mehr Schüler zuordnet, als er bisher zu betreuen hat.

Es geht also längst nicht mehr um die individuelle Selbstentwicklung der Persönlichkeit, sondern um das Erlangen der Kompetenz des „Produktes“ Schüler/Student sich an eine durch Wandel, Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit gekennzeichnete Welt anzupassen.
Aber welche anpassungsfähigen Eigenschaften, das fragt uns nun die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) voller Besorgnis, werden benötigt, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten?
Müssen wir uns über diese Frage wirklich ernsthaft den Kopf zerbrechen?
Ich vermute, dass die passenden Antworten für unsere Bildungspolitiker bei den Heerscharen von Lobbyisten und Beratungsagenturen längst in Auftrag gegeben sind. Irgendwo müssen in den vergangenen vier Jahren die rund 465 Millionen Euro Beratungshonorar für externe Leistungen des Bundesministeriums Bildung und Forschung  ja geblieben sein. Sind die Antworten gefunden, werden sie uns, da dürfen wir ganz sicher sein, dann über die Medien so lange bekannt gemacht, bis wir sie glauben.

Es ist hoch interessant, sich einmal die Veränderungen in der Bildungspolitik und die Rolle von Stiftungen und Unternehmen bei der erfolgten und fortlaufenden Umgestaltung unserer Bildungslandschaft zu betrachten. Dafür ist hier leider weder Zeit noch Raum. Zum Glück ist aber für den, der ernsthaft nach Aufklärung sucht, wirklich sehr umfangreiches Material zu heben. Ich versichere Ihnen, da ist Gänsehaut angesagt!
Was hat das von mir stichwortartig Angerissene noch mit der Bildungstradition von einst, welche nicht auf Anpassung, sondern Selbstständigkeit und – wo es angemessen und geboten schien – auch auf  Widerständigkeit  gegenüber den gegebenen Verhältnissen  zielte, zu tun?
Nichts.